Thomas Hürlimann: Wer könnte das Eine nicht lieben?

„Unter Universum verstehen wir heutzutage das Ganze, das Gesamte, das Weltall. Ursprünglich war es eine Wortschöpfung von Augustinus, aus dem Lateinischen versus: gegen, in Richtung auf, und unum: das Eine. Universum: Auf das Eine zu, ins Eine gewendet. Augustinus wollte damit sagen, dass Denken und Philosophieren eine Suche nach dem Einen ist, wobei das Eine Gott, aber auch die Seele sein kann. (…)
Wo die begründende Sprache des Philosophen aufhört, beginnt der Dichter zu dichten. Er begründet nicht, er erzählt, er zeigt auf. (…)

Ihr sagt: Die 1 ist die kleinste Ziffer. Ich sage mit Parmenides, Platon und den Platonikern: Am Anfang war die 1, und die 1 zerfiel in zwei Hälften, wodurch die 2 entstand und mit ihr der Zwiespalt, der Zweifel, der Zerfall in immer kleinere Einheiten. Für mich ist die 3 ein Drittel des Ganzen, die 4 ein Viertel, die 5 ein Fünftel, weshalb mich Umsätze und Abrechnungen nicht interessieren, was sind schon Millionen, gar Milliarden – ich bleibe auf das Eine gerichtet. Einszahl = Seinszahl. (…)

Dagegen sagt ihr: Glücklicherweise hat Aristoteles die platonische Zahlenwelt wie ein Kartenhaus zum Einsturz gebracht – mit dem Argument, jede Zahl müsse homogen und mathematisch gleich gross sein, sonst sei Rechnen unmöglich. Klar, damit hatte Aristoteles den Quantitäten die Qualität abgesprochen, und ihr seid euch sicher: zu Recht. Auf dieser Basis werden Brücken berechnet, Fahrpläne aufgestellt, Preise ausgehandelt, Zeiten fixiert, Bilanzen frisiert, Umfrageergebnisse publiziert. Messbar soll sie sein, unsere Welt, und unser Verhältnis zu ihr rational. (…)

Nehmen wir als Beispiel den Boss der Firma, die die Brücke errichtet. Selbstverständlich berechnet er die Statik mit einer Zahlenordnung, worin die 1 hundert Mal kleiner ist als die 100, doch wie sähe er sich im Organigramm seines Betriebs? Als die Nummer 1. Mit andern Worten: Rechenoperationen werden selbstverständlich aristotelisch durchgeführt, das Zahlengefüge des Lebens jedoch blieb durch alle Jahrhunderte platonisch. Die 1 ist die Bestnote, und der Sieger steht auf dem Podest mit der Nummer 1. (…)

Platon zeigt in wundervollen Dialogen auf, dass es auch uns Sterblichen möglich ist, aus dem Irdischen versus unum zu transzendieren: in der Liebe. Da erleben wir, lässt er Sokrates lässig erläutern, dass unsere Seele unteilbar ist, ewig. Denn jenseits der Zeit, in vorgeburtlichen Räumen, hat die Seele schon alles geschaut, auch die Anima, das Urbild der Frau, oder den Animus, das männliche Urbild.

Die Urbilder nimmt die Seele mit in den Leib, und so hofft der beseelte Mensch von Geburt an, im Irdischen ein Abbild seiner Urbilder wiederzufinden. Die Seele sehnt sich nach dem Schönen, das sie im Ewigen geschaut hat. Diese Sehnsucht ist ein immerwährendes Begehren, und nicht zufällig wird Amor als Pfeilschütze dargestellt. Wahre Liebe ist Liebe auf den ersten Blick. (…)“

Kompletter Text: http://www.nzz.ch/feuilleton/theologie-und-literatur-wer-koennte-das-eine-nicht-lieben-ld.133672

Platons „Gesetze“ – Staatsziel: Entfaltung!

Kurz vor seinem Tod schrieb der griechische Philosoph Platon „Nomoi“, einen sehr umfangreichen Entwurf einer Staatsverfassung. Platon ging darin von der Frage aus, was dem Menschen gut tue – damit ist der Text erstaunlich aktuell. Die Politische Akademie Tutzing lud im Dezember zu einer Tagung ein, bei der auch seine Nutzbarkeit als Anregung für heutige Politik behandelt wurde.

Von Carl-Josef Kutzbach

„Natürlich vermittelt das Gesetzessystem auch ein bestimmtes Wertesystem. Jedem Gesetz liegt eine Ansicht darüber zugrunde, was richtig und was falsch ist, was dem Menschen gemäß ist, was ihm nicht gemäß ist, jedenfalls in der jeweiligen politischen Ordnung. Und das wird in Platons Buch „Die Gesetze“ ganz besonders zum Ausdruck gebracht und untersucht.“

…beschreibt Barbara Zehnpfennig, Professorin für politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Passau, einen Aspekt von Platons Spätwerk „Nomoi“. Dieses altgriechische Wort könnte aber ebenso mit „Gesetzmäßigkeiten“ übersetzt werden, sich also auch auf die Naturwissenschaften beziehen. Michael Spieker, Dozent für Ethik und Theorie der Politik an der Akademie für Politische Bildung in Tutzing, bietet noch eine weitere Übersetzungsmöglichkeit an:

„Der Titel „Nomoi“ kommt aus der Musiktheorie. Und da ist der Nomos so etwas, wie die Melodie, der Grundton in einer Sache. Und Platon verehrte sehr einen Musiktheoretiker namens Damon, von dem er sehr sehr viel gelernt hat unter anderem wohl auch dieses Wort dann mit übernommen hat.“

Das zeigt schon, wie schwierig es ist einen rund 2350 Jahre alten Text richtig zu übersetzen und zu verstehen. Dabei kann ein Blick auf die Biografie Platons helfen, sagt Henning Ottmann, emeritierter Professor für politische Theorie und Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München, der eine neunbändige „Geschichte des politischen Denkens“ verfasst hat.

„Platon stammte aus einer der ältesten Familien Athens und da hätte er eigentlich in die Politik, in die praktische Politik gehen müssen. Das hat er nicht getan und dafür waren zwei Erfahrungen ausschlaggebend:“

Erstens hatten die Athener seinen Lehrer Sokrates wegen angeblicher Gottlosigkeit zur Selbsttötung gezwungen. Damit hatte sich Athen eines anstrengenden, aber aus Platons Sicht sehr redlichen Menschen entledigt. Etwas, das Politik seiner Meinung nach nicht darf. Zweitens gehörten einige Onkels Platons zu den 30 Tyrannen, die 1500 Athenern den Tod brachten.

„Vater der Utopien“

Platon lehnt deshalb die Tyrannis, die Willkürherrschaft in seinen beiden Staatsentwürfen „Politeia“ und „Nomoi“ ab. Grob vereinfacht beschreibt die Politeia den idealen Staat, den Platon bei drei Reisen nach Sizilien umzusetzen versuchte, was aber nicht gelang.

„Platon ist ja auch der Vater der Utopien geworden. Morus hat den Begriff geschaffen „Utopia“. Es geht aber im Grund auf Platon zurück, und ich sag mal Visionen in der Politik zu haben – das was heute weitgehend fehlt – das kann man von Platon lernen.“

885d17d60ef5a381a8685d081a4dd602v1_abs_555x312_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2„Utopia“, der „Nicht-Ort“, spielte beim zweiten Entwurf, den „Nomoi“ keine Rolle, denn da bestand die Chance, dass er in einer der vielen griechischen Kolonien, vielleicht in Magnesia, umgesetzt werden könnte. Platon bemüht sich daher die Menschen so zu sehen, wie sie sind. Es geht also um den zweitbesten, aber realisierbaren Staatsentwurf. Der Staat soll den Rahmen dafür schaffen, dass die Menschen sich entfalten können. Professor Francisco Lisi von der Madrider Universität, der Platons Nomoi ins Spanische übertragen hat, fasst das so zusammen:

„Das „Menschsein“ ist eigentlich ein „Mensch werden“. Wir müssen jeden Tag besser werden. Und das ist gerade, was die platonische Philosophie von den Menschen will.“

Der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht Macht, nicht Wirtschaft, auch nicht die Götter, obwohl sie als Verkörperung der Ideale für Platon wichtig sind. Francisco Lisi ergänzt:

„Platon ist eigentlich sehr wichtig für unser Verständnis von Freiheit und von Demokratie und von der Bedeutung der Werte auf jeder Ebene unserer Gesellschaft.“

Jeder Bürger solls nach der Tugend streben, meint Platon. Das ist für ihn das höchste Ziel menschlicher Entfaltung und zugleich ein genialer Gedanke für das Zusammenleben. Barbara Zehnpfennig:

„Man kann zunächst denken, Moral, Tugenden, das ist etwas, was den Mensch von innen her lenkt und die Gesetze, das ist etwas, was den Menschen von außen lenkt. Nur da beides auf einander bezogen ist, da die Gesetze Ausdruck unserer Wertentscheidungen sind, wirkt in der Tat beides zusammen. Die Gesetze haben natürlich auch eine erzieherische Wirkung, weil sie unser Wertverständnis vermitteln. Andererseits wirkt unsere Wertordnung, das, was wir für richtig und falsch halten, wiederum auf die Gesetzgebung ein. Insofern kann man beides im Grunde nicht trennen.“

Überraschende Gesetze

Für Bürger sollte es keinen Widerspruch geben zwischen ihrem Gerechtigkeitssinn und den Gesetzen. Wie wichtig genau das ist, beschreibt Barbara Zehnpfennig:

„Natürlich ist eine politische Ordnung, bei der die Bürger den Eindruck haben können, dass es in ihr letztlich gerecht zugeht, die einzig stabile Ordnung, weil die Menschen mit dem System dann übereinstimmen können, auch, wenn sie nicht in jedem Einzelfall meinen gerecht behandelt zu werden.“

Aus solchen Einsichten entwickelt Platon überraschende Gesetze. Da er einsieht, dass der Besitz nicht abzuschaffen ist, wird den Bürgern das Land per Los zugeteilt. Der Handel soll auf ein notwendiges Minimum zurückgedrängt werden und möglichst von Sklaven oder Fremden betrieben werden, damit nicht die Gier nach Besitz und Reichtum die Tugend der Bürger gefährde.

Damit die Bürger lernen, ihre Tugenden zu entfalten, greift der Staat ganz stark in die Erziehung ein. Das beginnt bereits vor der Geburt mit Ratschlägen für Schwangere und endet nie. Eine wichtige Rolle für die Erziehung spielt dabei die Bedeutung von „Nomoi“ als Melodie. Michael Spieker:

„In der Erziehung geht es genau darum, eine Melodie einzupflanzen, sodass nachher das ganze Leben – ja, so sagt er es selber – das Ziel des Lebens sei eigentlich Tanz, Gesang und Spiel zu Ehren der Götter – das würden wir heut gar nicht mehr verstehen -, aber Tanz, Gesang und Spiel, so weit können wir doch erst mal mit gehen.“

Impulse für heutige Politik

Platon sieht die Musik als Ordnungs-System an, mit deren Hilfe der Mensch Ordnung erfahren und erlernen kann. Zugleich sind Musik, Tanz und Festefeiern Übungen im Umgang mit den Mitmenschen. Musik ist etwas, das schon kleine Kinder verstehen, lange bevor sie sprechen können. Platon schreibt seine Gedanken deshalb auch in Form von Gesprächen auf, denen man als Leser folgen kann. Henning Ottmann gibt zu bedenken:

„Man muss bei Platon berücksichtigen, dass mit ihm alles anfängt. Also die Metaphysik, die heißt bei ihm noch nicht so, die Ethik, die Theologie, erste Formen der Logik und so weiter. Also Aristoteles hat das dann alles auf diese Disziplinen gebracht. Da gibt’s die erste Logik, die erste Ethik, die erste Metaphysik, die so heißt; bei Platon ist das alles ein Paket.“

In dem zwar Manches fremd und auch unerträglich erscheint, etwa Sklaven; aber Platons Text könnte auch heutiger Politik neue Impulse geben. (Quelle)

Das Höhlengleichnis

Eine kurze humoreske Wiedergabe von Platons Höhlengleichnis. Die Künstlerin Eva Wunderbar mimt die (irr-)rationalistische (oder scheinrationale) Reaktion der Höhlenbewohner wirklich sehr eindrucksvoll. Die widersprechende, Ausflüchte Konstruierende  Stimme dürfte uns eigentlich allen bekannt sein?

Platon: Die Apologie des Sokrates

sokratesSokrates wurde 399 v. Chr. unter der Anklage, neue Götter erfunden und die Jugend verführt zu haben, zum Tode verurteilt. Sein Tod markiert einen Wendepunkt in der antiken Geistesgeschichte und den Ausgangspunkt dessen, was man seither Philosophie – Liebe zur Weisheit – nennt.

Sokrates‘ Lehre kennen wir nur aus den Schriften seiner Schüler, allen voran Platon. Dessen „Verteidigung des Sokrates“ entstand wenige Jahre, nachdem sein Lehrer den Schierlingsbecher getrunken hatte. Sokrates tritt uns darin als Philosoph entgegen, der dem Anspruch umfassenden Wissens die Demut des Nichtwissens entgegenstellt.

Jürgen Stenzel (Lesung) und Hanjo Kesting (Kommentierung) Quelle

Platon: Die Apologie des Sokrates (Audio)

Über Georg Picht…

Im Arete-Artikel hatte ich einen Textausschnitt von Georg Picht verwendet, bei einem platonischen Netzcheck stieß ich nun auf folgenden Artikel der Rhein-Neckar-Zeitung vom 09.07.2013 über den namhaften Akademiker:

Georg Picht war der Mann, der die Bildungskatastrophe ausrief

Von Birgit Sommer

Ein meisterhafter Pädagoge, ein wunderbarer Mensch – so wird der Heidelberger Religionsphilosoph und Bildungsexperte Georg Picht von seinem ehemaligen Schüler und Assistenten, dem in Neckargemünd ansässigen Philosophen Enno Rudolph, beschrieben. Zum 100. Geburtstag am heutigen 9. Juli, mehr als 30 Jahre nach seinem Tod im August 1982, ist Picht tatsächlich „in die Geschichte als Philosoph eingegangen, für den historisches und politisches Denken Bestandteil von Philosophie waren“, wie einst der Jurist und Bildungspolitiker Hellmut Becker über ihn schrieb.

Picht war es, der als Erster auf den Bildungsnotstand in der Bundesrepublik hingewiesen und 1964 die „deutsche Bildungskatastrophe“ ausgerufen hatte. Als Leiter der Internatsschule Birklehof in Hinterzarten hatte er nach dem Krieg zehn Jahre lang auch ganz praktisch Pädagogik betrieben.

Die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg, die Georg Picht von 1958 bis 1982 geleitet hatte, widmete ihm am vergangenen Wochenende ein zweitägiges Symposium, bei dem „das gesamte Spektrum der Picht’schen Kompetenzen“ (Rudolph) – Kultur, Umwelt, Bildung und Philosophie – ausführlich behandelt wurden. Voraussichtlich im nächsten Jahr soll eines seiner bisher unveröffentlichten Werke, der Kommentar zu einem Dialog von Platon (Laches), von Enno Rudolph und Kollegen herausgegeben werden.

Auf dem Gebiet der Philosophie sei Picht noch immer eine unentbehrliche Figur in der Platon-Forschung, stellte Rudolph im Gespräch mit der RNZ fest. So war der Altphilologe beispielsweise auch Gründer des heute zur Universität Tübingen gehörigen angesehenen Platon-Archivs. Rudolph, Professor für Philosophie an der Universität Luzern, erinnert sich an Pichts enzyklopädisches Wissen über die Geistesgeschichte Europas: „Er war gebildet in einem sehr anspruchsvollen Sinne des Wortes.“

Außerhalb der Philosophie bleibt Picht als Bildungsforscher und Politiker, als Teil eines prominenten Triumvirats in Sachen Bildungspolitik zusammen mit Hellmut Becker und dem Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker in Erinnerung. Becker war Gründungsrektor des 1963 neu geschaffenen „Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung“ in Berlin. Pichts Weg, politischen Einfluss auszuüben, verlief nicht über eine Partei – er war vielmehr ein ebenso begnadeter wie erfolgreicher Netzwerker. Fragt man Rudolph, was von Georg Pichts „Bildungskatastrophe“ 50 Jahre später übrig geblieben ist, erklärt er: „Picht ist im Nachhinein bestätigt, seine Anregungen sind noch lange nicht ausgelotet worden.“ Das Land brauche mehr und vor allem qualifiziertere Akademiker – trotz zahlreicher Abiturienten und Studenten. „Wir produzieren zu viel Mittelmaß und zu wenig Gutes“, weiß Rudolph, „die Exzellenzinitiative ist eine Reaktion darauf, dass wir international nicht mithalten können.“

Wenn Enno Rudolph den Menschen Georg Picht beschreiben soll, nennt er ihn „warmherzig und leidenschaftlich“, einen „Gesprächspädagogen von unersetzlichem Rang“, der zudem eine enorme Kompetenz in der Vermittlung von Wissen, Forschungsmethoden und Textanalysen ausgestrahlt habe. Der ehemalige Schüler bewundert immer noch Pichts ausgewogene Balance zwischen Strenge und Menschlichkeit im Umgang mit seinen Studierenden, verweist aber auch auf seine Unerbittlichkeit in der Qualitätskontrolle und auf die rigorosen Anforderungen, die er an seine Mitarbeiter stellte.

Arete

AntikeRinger510

Die Süddeutsche Zeitung vom 13.02.2013… Unter dem Foto eines schönen antiken Reliefs zweier Ringer (siehe oben) und neben dem Spott „Plato lesen, IOC!“ steht dort folgendes:

„Was die Mühen im aufrechten Ringen angeht, dieses Herauswinden des Halses, der Arme und der Hüften, das mit Ehrgeiz und Anstrengung im Interesse der Stärke und Gesundheit des Körpers unternommen wird, so darf man diese nützlichen Übungen nicht unterlassen, sondern muss sie der Jugend ans Herz legen. Wer das sagt? Plato sagt das, im siebten Buch der „Nomoi“. Das Internationale Olympische Komitee sieht das anders: Er will das Ringen aus dem Programm kegeln.“

Ohne nochmal explizit Platons Nomoi zu erwähnen bzw. zu zitieren, treibt Thomas Kistner in seinem weiterführenden Kommentar (auf der vierten Seite) zum Thema die platonische Kritik des IOC auf die Spitze.

Kistner schreibt: „Zu klassisch für Olympia (…) Seit sich die Jugend der Welt alternativen, immer extremeren Sportarten zuwendet, blickt das IOC sorgenvoll in die Zukunft seiner Spiele. (…) Bildschirm-kompatibel muss das Ganze sein. Dies hat das IOC den erschütterten Ringern im Kondolenzschreiben zum Rauswurf mitgeteilt: Man sei ständig „bemüht, die Spiele für für die Sportfans aus allen Generationen als bedeutend zu erhalten“.

Weil das aber nur ein Teil der Wahrheit ist, gibt es für die urolympischen Ringer noch Hoffnung: Sie ziehen in eine Trostrunde ein, können sich gegen so merkwürdige Übungen wie Wakeboard (Wellenreiten auf dem Brett) und Wushu (chinesische Kampfkunst) ins Spieleprogramm zurückkämpfen. (…) Hier gibt es viel Entwicklungspotenzial in Richtung Playstation. Aus Griechisch-Römisch oder Freistil aber lässt sich kein Computerspiel generieren; das Ringen hat sich über die letzten Jahrtausende wenig verändert.

Andererseits lässt sich im Sport manche disziplinäre Schwäche mit politischen Mitteln wettmachen. Das zeigt ein Blick auf die Neueinsteiger bei den Spielen 2016 in Rio de Janeiro: Golf und Rugby. Letzteres schätzt IOC-Präsident Jacques Rogge, der belgischer Auswahlspieler war. Und Golf ist zwar nicht Trendsport unter den Kids, aber reich und bestens vernetzt. Mit gezielter Lobbyarbeit im Olymp lässt sich just in einem Superwahljahr wie 2013 manches erreichen. Bei der IOC-Sitzung im Herbst sind die Mitglieder für vieles offen: Gewählt wird die Olympiastadt 2020, im Ring stehen Istanbul, Tokio, Madrid. Auch Rogges Nachfolger wird gekürt, längst sind die Kandidaten diskret unterwegs.“

Wie schon erwähnt, verweist Kistner in seinem Kommentar mit keinem Wort auf Platon. Wer aber in den Nomoi nur wenige Zeilen vom eingangs zitierten Lob des „aufrechten Ringen“ weiter liest wird sich über die Parallelen wundern.

Platon schreibt (Nomoi, 797a): „Ich behaupte, daß in allen Staaten eine allgemeine Unwissenheit darüber herrscht, daß in erster Linie die Art der Spiele bei der Gesetzgebung darüber entscheidet, ob die aufgestellten Gesetze dauerhaft sind oder nicht. Denn wenn die Spiele fest geregelt sind und sich an den Grundsatz halten, daß dieselben Leute immer dieselben Spiele nach denselben Regeln und in derselben Weise spielen und sich an denselben Spielen erfreuen, dann lassen sie auch die in ernsthafter Absicht aufgestellten Gesetze ungestört fortbestehen. Wenn aber an den Spielen gerüttelt und Neues eingeführt wird und sie fortwährend neue Veränderungen erfahren und wenn die jungen Leute niemals dasselbe als angenehm bezeichnen und daher für sie weder bei der Haltung ihres Körpers noch bei den sonstigen Dingen ein für allemal übereinstimmend feststeht, was eine gute Haltung ist und was nicht, sondern wenn vielmehr derjenige, der immer wieder Neuerungen vornimmt und etwas einführt, das in den Formen und Farben und allem dergleichen von dem Gewohnten abweicht, dafür noch besonders geehrt wird: dann dürfen wir wohl völlig recht haben, wenn wir behaupten, daß es für einen Staat kein größeres Verderben gibt als dieses; denn unmerklich verändert dies die Sinnesart der jungen Leute und läßt das Alte in ihren Augen wertlos und das Neue wertvoll erscheinen. Eine solche Rede und Ansicht ist aber, wie ich nochmal behaupte, der größte Schaden für alle Staaten.“

Form und Inhalt des modernen Sports – des Leistungssport wie auch des Freizeitsports – werden zunehmend nicht von den Gesetzen der Staaten oder wissenschaftlichen Erkenntnissen sondern von den sogenannten Gesetzen des freien Marktes definiert. Die Gesetzgebung der Staaten wird auch hier von den Marktgesetzen dominiert; zum Schaden der Staaten und der Bevölkerungen. Als Beispiele seien etwa die augenscheinlich korrupten Strukturen internationaler Sportverbände bzw. Organisationen wie der FIFA, dem Internationalen Radsport-Verband oder der Formel 1 genannt. Diese destruktiven, nicht selten auch äußerst kriminellen, Auswucherungen betreffen natürlich auch nationale Strukturen politischer, kultureller oder wirtschaftlicher Art. Es werden nicht nur die bestehenden staatlichen Gesetze missachtet und ausgehöhlt; Millionen von Menschen wird auch eine falsche, weil schädliche, Lebensweise aufgezwungen. Pharmazeutischer Missbrauch im Hochleistungssport hat sich schon längst auch in nichtsportlichen Bereichen des Lebens fest etabliert. Kein Gemeinwesen kann auf Dauer einen derart umfassenden Angriff auf sein juristisches und soziales Fundament überleben.

Das war zu Platons Zeiten nicht anders. In seinen Werken Nomoi und Politeia hat er deshalb den Versucht unternommen Kriterien aufzustellen die ein möglichst gutes gesellschaftliches und staatliches Fundament bieten. Darüber hinaus war sich Platon nur zu bewußt dass nichts von Menschen errichtete ewig währt; jedes System ist nur so stabil wie ihr schwächstes Glied. Platons anliegen ist es deshalb die Menschen möglichst umfassend auf ihr individuelles und gemeinschaftliches Leben vorzubereiten. Das kann man anhand der platonischen Sportpädagogik leicht einsehen.

Um nochmal auf das „aufrechte Ringen“ zurück zu kommen: in dem Abschnitt aus den Nomoi lehnt Platon gleichzeitig Bodenkampftechniken im Ringen ab. Die (damaligen) Bodentechniken sind für Platons Sportpädagogik ungeeignet weil zu brutal. Im Rahmen der musischen und gymnastischen Grunderziehung gilt das Augenmerk des Philosophen der bestmöglichen geistigen und körperlichen Ausbildung von Kindern und Jugendlichen; dass dabei jegliche Verletzung, Verunstaltung oder gar Verkrüppelung vermieden werden soll ist ein äußerst wichtiges Anliegen.  Wie ganzheitlich Platon denkt erschließt sich auch aus seiner ‚Kritik der Einhändigkeit‘.

Die Gewöhnung der Kinder an einseitige Benutzung der Hände bezeichnet Platon zurecht als „Torheit“. Jeder Rechtshänder der schon mal versucht hat mit der ungeübten Linken etwas zu schreiben wird das Phänomen kennen: die Körpermotorik ist wie gelähmt, die Linke krakelt. Kurz: bei den allermeisten Menschen ist eine Hand (bzw. Arm) regelrecht verkrüppelt.

Nach Platon sind die Erziehungsberechtigten (Eltern, Lehrer) Schuld. Denn Beidhändigkeit ist keineswegs unmöglich oder gar widernatürlich. Als Beispiel führt er die Skythen an; diese übten ihren Nachwuchs von Kindesbeinen an auf den beidhändigen Umgang mit Pfeil und Bogen (und das auch noch im Reiten!) ein. Erst in jüngster Zeit haben auch Vertreter moderner Sportarten diese Problematik realisiert. Im Fußball wird der „Perfekte Spieler“ oft (unter anderem) als beidfüßig definiert. Renomierte Fußball-Clubs wie der FC Bayern München oder Ajax Amsterdam trimmen ihre Minikicker deshalb schon im zarten Alter auf Beidfüßigkeit. Leider sind solche durchaus konstruktiven Entwicklungen aus dem Profisport bisher nicht bis zum staatlichen Erziehungswesen durchgedrungen. Der Schulsport in Deutschland zeichnet sich durch Primitivität und Konzeptlosigkeit aus. Es besteht keine ernsthafte Fokusierung der Gesetzgebung auf das körperliche Wohl (neben dem Sport wären auch die Ernährungsmentalitäten zu nennen) der Bevölkerung. Weshalb es dann auch kein Wunder ist wenn der Nachwuchs durch unqualifizierte Lehrkräfte schon an der Wurzel deformiert wird.

Dieses Defizit ist charakteristisch und umfassend. Wir werden in die Schule geschickt um gerade soviel lesen, schreiben und rechnen zu können um später als brauchbare Produzenten und Konsumenten durch die Weltgeschichte zu stolpern. Eingehende  staatsbürgerliche Erziehung im Sinne der freiheitlich-demokratischen Grundordnung – etwa Einführung in die Prinzipien und Regeln des Rechtsstaats – haben an bundesrepublikanischen Schulen nicht einmal den Stellenwert des Englischunterrichts. Das ist einfach nur noch armselig und letztendlich selbstzerstörerisch.

Worum sollte es, muß es bei der Erziehung gehen? Worauf zielt Erziehung ab?

Was diese Fragestellung in Platons Nomoi angeht (ohne hier im Großen auf die platonische Seelenlehre eingehen zu können), hat es Georg Picht einmal sehr prägnant wie folgt zusammengefaßt:

„Erziehung zur Arete ist also zunächst und fundamental Erziehung zur Freude an geordneten Bewegungsabläufen, also am Rhythmus durch Musik und Tanz. Sie ist Erziehung zum Geschmack, und der Geschmack ist das moralische Grundorgan des Menschen. Weit jenseits aller intellektuellen Erkentnisse handeln die Menschen dann moralisch, wenn ihnen ihr Stilgefühl jene Handlungen verbietet, die sie meiden sollten. Die Moralität des einzelnen Menschen sowohl wie die politische Verfassung der Gesellschaft hängt davon ab, ob die Gesellschaft wie der Einzelne ein Stilgefühl entwickelt haben, das das moralische Verhalten zu tragen vermag. Schiller hat diese Erkenntnisse in seiner großen Abhandlung über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes wieder aufgenommen. Er hat durch diese Schrift einen mächtigen Einfluß auf die Philosophie des deutschen Idealismus ausgeübt; und jene kurze Blütezeit des deutschen Geistes, die durch die Namen Goethe, Schiller, Schelling und Hegel bezeichnet ist, beruht insgesamt auf dieser Idee. Weil aber die politische Realisierung der neu verstandenen Einheit des Menschen an der Übermacht der Restauration gescheitert ist, verflüchtigte sich dieser Gedanke in die Sphäre des bloßen Ideals und wurde unwahr. Eine Gesellschaft, die den Antagonismus von kapitalistischer Ausbeutung und Proletariat politisch nicht zu lösen vermag, kann auch kein Stilgefühl entwickeln. Wenn die Gesellschaft ein System der Unterjochung ist, muß auch die Moral als ein System der Unterjochung erscheinen.“ (Georg Picht – Platons Dialoge „Nomoi“ und „Symposion“)

Poesie der Physik

heisenbergMit seiner Quantenmechanik hat Werner Heisenberg (5.12.1901 – 1.2.1976) das Tor in eine neue Welt der Physik aufgestoßen. Heisenberg stellte das seit Isaac Newton dominierende mechanistische Weltbild der Physik auf den Kopf. Die Quantenmechanik bestimmt die Welt, in der wir leben. Ohne sie gäbe es keine Mikrochips und keine Computer, aber auch keine Atomkraftwerke und Atombomben. Heisenbergs Leben spiegelt auch die Brüche und Umwälzungen des 20. Jahrhunderts wider. Die sechsteilige Sendereihe stellt den Wissenschaftler und Philosophen vor. Was sind die kleinsten Bausteine der Natur? Was ist es, das die Welt im Innersten zusammenhält? Seit jeher versuchen wir Menschen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Für den Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe ist das „Gute, Wahre und Schöne“ die geheime Natur unserer Welt. Der Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg ist seit frühester Jugend fasziniert von den Gedanken Goethes. Die Harmonie und Ästhetik der Natur begegnen ihm auch in der Mathematik. In Werner Heisenbergs Jugend ist die wissenschaftliche Denkweise noch von den Naturgesetzen geprägt, die der Engländer Isaac Newton im 17. Jahrhundert formuliert hatte. Die Physiker waren überzeugt, bald auch die letzten Rätsel des Lebens zu lösen. Der Siegeszug von Technik und Maschinenwelt schien unaufhaltsam.

In diese Welt wird am 5. Dezember 1901 Werner Heisenberg geboren. Er begeistert sich früh für Naturwissenschaften und besonders für die neue Physik. Ebenso sehr liebt er Musik. Lange Zeit ist Heisenberg unentschlossen, ob er Musik oder Naturwissenschaften und Mathematik studieren soll. In seiner griechischen Schullektüre stößt Heisenberg auf Ideen des griechischen Philosophen Platon. Nach Platon bilden Dreiecke die Basis unserer Welt. Diese Dreiecke sind selbst keine Materie, aber sie gestalten das uns bekannte Universum, indem sie sich zu verschiedenen Formen zusammenfügen: den bekannten platonischen Körpern.

Heisenberg ist irritiert von dieser ersten Begegnung mit der Philosophie der alten Griechen. Doch sie ist auch ein Schlüsselerlebnis für seinen weiteren Werdegang. Heisenberg will das Unbegreifliche der Ideenwelt Platons verstehen und er will für sich selbst die Frage klären, was die Welt im Innersten zusammenhält? Werner Heisenberg wird die Physik und unser Weltbild revolutionieren. Er wagt eine neue Sicht auf die Wirklichkeit. Sein Blick richtet sich auf die kleinsten Bausteine der Materie: die Quanten. Quelle

Werner Heisenberg und die Frage nach der Wirklichkeit

Hans-Peter Dürr, Anton Zeilinger und Martin Heisenberg über Leben und Werk des grossen Wissenschaftlers (Vollständige Fassung). Kapitel: Die Poesie der Physik – Was die Welt im Innersten zusammenhält – Unschärferelation – Die Angst vor der Bombe – Die Verantwortung des Wissenschaftlers – Der Teil und das Ganze (BR alpha 2011).